Paradoxon Blickkontakt

Der wechselseitige Blick zweier Personen in die Augen werde dann als Blickkontakt bezeichnet, wenn dieser von beiden wahrnehmbar ist. Dabei handele es sich um ein dynamisches Sehereignis, das ein wichtiges Ausdrucksmittel der Körpersprache und ein zentraler Bestandteil der nonverbalen Kommunikation ist. Kaum eine andere Mimik vermittele einen so facettenreichen Ausdruck wie der Blickkontakt. Er könne rein verbal erfolgen, Inhalte eines Gespräches begleiten oder die Charakteristik einer Kommunikation unterlegen, da Blicke die Emotionen, Stimmungen beziehungsweise die Absicht einer Person transportieren können. Aber er kann noch viel mehr.

Ein Blickkontakt kann darüber hinaus nicht nur den einen oder anderen Menschen mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum vor ein Rätsel stellen. Er könnte auch als die Königsdisziplin der Kompensation bezeichnet werden. Wenngleich es nur zwei Möglichkeiten gibt ihn zu kompensieren.

In puncto Blickkontakt kann die Kompensation einerseits so ausfallen, dass dieser von einem Betroffenen als unerträglich empfunden und deshalb vermieden wird. Andererseits kann Kompensation diesbezüglich bedeuten, dass ein Betroffener unauffällig bleiben möchte und diesen erträgt. Kompensiert wird er in beiden Fällen, entweder in die eine oder in die andere Richtung. Allein die Gründe pro Blickkontakt fallen unterschiedlich aus.

Der Blickkontakt ist in Sachen Kompensation die Königsdisziplin. Wenn ein Betroffener sich dazu überwindet, sollte er in keinem Fall als ein Kriterium betrachtet werden, das gegen das Vorliegen einer Autismus-Spektrum-Störung spricht. Denn hält ein Betroffener Blickkontakt, spricht dieses Verhalten vielmehr  dafür, dass er ein bislang unverstandenes Paradoxon der Kompensation zeigt.

Die Annahme, dass bei einem  Menschen mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum die Verarbeitung wahrgenommener Bewegungen erschwert beziehungsweise nicht möglich ist, was überwiegend die visuelle Wahrnehmung betrifft und sich zum Beispiel dann am deutlichsten äußert, wenn Licht flackert, macht zugleich  verständlich, warum ein Blickkontakt oft einer unüberwindbaren Hürde entspricht. Die Augen eines Menschen bewegen sich von allen Gesichtspartien mit am häufigsten.

Nicht nur die Vermeidung im Sinne von Wegsehen ist für Menschen mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum eine Möglichkeit, das Wahrnehmen von Bewegungen einzuschränken oder zu unterbinden. Ein ebenso häufiges Mittel der Wahl ist die detailorientierte Wahrnehmung. Hierbei wird die visuelle Wahrnehmung von Bewegungen durch das Fokussieren eines bestimmten Details derart eingeschränkt, dass daraus letztlich die Bewegungsblindheit resultiert, weil das Gehirn nahezu das gesamte Drumherum ausblendet.

Die Augen sind bekanntermaßen sehr klein. Unabhängig davon, ob eine Störung aus dem Autismus-Spektrum vorliegt oder nicht, müssen sie aufgrund ihrer Größe stärker fokussiert werden als beispielsweise die Körperhaltung, die sich einem Betrachter auf den ersten Blick erschließt. Genau diese Tatsache lässt einen Blickkontakt zu einem Paradoxon werden, wenn sich ein Mensch aus dem Autismus-Spektrum dazu überwindet. Denn nun fokussiert er im Detail, was er gewöhnlich im Detail kompensiert: Bewegungen.

Anna Vaal, 2. Februar 2019

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