Autistische Kinder und die Bedeutung ihrer Art zu spielen

„Spiel ist keine Spielerei“ schreibt Armin Krenz in einem Fachartikel auf http://www.kindergartenpaedagogik.de (Aus: WWD 2001, Ausgabe 75, S. 8-9, siehe Button am Ende des Beitrags). Weiterhin führt er aus, dass das Spielen im Leben von Kindern weder etwas mit zufälliger Freizeitgestaltung noch mit einer rein lustbetonten Tätigkeit zu tun habe. Es sei kein Nebenprodukt einer Entwicklung noch sei es ein verzichtbares Produkt im Lebenszyklus eines Menschen. Das Spiel sei gewissermaßen der Hauptberuf eines jeden Kindes, „das dabei ist, die Welt um sich herum, sich selbst, Geschehnisse und Situationen, Beobachtungen und Erlebnisse im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Wenn dem so ist, wirft diese Aussage die Frage auf, warum autistische Kinder mit der Lernmethode ABA hauptsächlich erfahren müssen, was der Ausspruch „Zuckerbrot und Peitsche“ in letzter Konsequenz bedeutet und dass ihr Leben nicht aus Spiel, sondern aus harter Arbeit besteht.

Zunächst sei ABA ein verhaltenstherapeutischer Ansatz, im Zuge dessen „Ergebnisse aus der Verhaltensforschung in der Therapie“ angewendet werden. Bei ABA handele es sich um die am besten evaluierte Methode in der Therapie von Menschen mit Autismus, deren hohe Wirksamkeit nachgewiesen sei. Wesentlicher Bestandteil dieser Therapie sei die Konditionierung, netter ausgedrückt: Das „Erlernen von Reiz-Reaktionsmustern.“ Die operante Konditionierung sei hierbei der zentrale Lernmechanismus. Demnach sei zukünftiges Verhalten wesentlich geprägt von den Konsequenzen, die es nach sich zieht. Lernerfolge erziele man durch Versuch und Irrtum, Erfolg und Misserfolg oder Belohnung und Strafe. Als Konsequenz eines Verhaltens trete ein unerwünschter Reiz auf. So werde beispielsweise im Rahmen des Toilettentrainings die eingenässte Hose angelassen. Alternativ werde als Konsequenz eines Verhaltens ein erwünschter Reiz entfernt, zum Beispiel durch den Entzug von Aufmerksamkeit oder durch den Entzug von Verstärkern wie Sauerstoff, Trinken, Essen, Wärme oder sexuelle Stimulation.

Der „positive“ Gegenpol dieser Maßnahmen seien konditionierte Verstärker. Diese werden erarbeitet, indem „ein vormals neutraler Stimulus durch wiederholtes Zusammenbringen mit einem primären Verstärker zum konditionierten Verstärker“ wird. Als Beispiele werden „Lob, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Lieblingspersonen, Lieblingsaktivitäten und Lieblingsspielsachen“ angeführt. Geld sei sogar ein universeller Verstärker. Für eine ABA-Therapie sei es deshalb besonders wichtig, auf ein ausreichendes Reservoir wirksamer Verstärker zugreifen zu können.

Die ABA-Therapie benötige eine hohe Trainingsintensität von etwa vierzig Stunden pro Woche. Dieser Stundenumfang entspricht somit der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit eines Erwachsenen mit einer gesetzlich vorgeschriebenen Pausen- und Urlaubsregelung. An dieser Stelle muss deshalb die Frage erlaubt sein, wann einem autistischen Kind bei diesem Arbeitspensum noch Zeit bleibt, seinen eigenen Interessen nachzugehen. Fraglich ist außerdem, inwieweit und ob die ABA-Therapie der Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien überhaupt gerecht wird, die in erster Linie spielerisch erfolgt.

Das Spielverhalten, das autistische Kinder zeigen, dient der Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien. Wird dieses Spielverhalten autistischer Kinder beeinflusst, indem beispielsweise Spiele und Spielsachen nur gelegentlich zum Zweck der Belohnung geduldet werden, beeinflusst dieses Vorgehen die Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien entscheidend. Auf lange Sicht sind die Folgen nicht absehbar.

Kompensationsstrategien spielerisch erlernen bedeutet für ein autistisches Kind, etwas für sein Leben zu lernen. Ein Beispiel für ein solches Spielverhalten, das viele autistische Kinder zeigen, wird in dem folgenden Zitat geschildert.

 

Ich habe als Kind lieber die Schuhe meiner Barbies farblich sortiert.

Der eine oder andere Leser mag nun den Einwand erheben, dass jeder Autist anders ist. Mit Blick auf die individuellen Umstände eines Betroffenen ist dieses Argument sicherlich auch zutreffend, weil viele individuelle Umstände viele individuelle Strategien erfordern. In ihrem Grundsatz zeigt die Kompensation jedoch viele Gemeinsamkeiten.

Das Sortieren gehört zu diesen Gemeinsamkeiten. Es nimmt seinen Anfang in der Kindheit und setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Es geht nicht verloren, wenngleich es sich in der Stärke seiner Ausprägung auf sehr unterschiedliche Art und Weise zeigen kann, wie das folgende Zitat eines erwachsenen Betroffenen veranschaulicht.

Auf Dauer merke ich mir, dass Person X dazu neigt, Dinge nicht ernst zu meinen und bemerke so schneller, wenn wieder mal etwas nicht ernst gemeint ist.

Auf den ersten Blick scheinen beide Zitate auf keinen direkten Zusammenhang hinzudeuten, aber auf den zweiten Blick. Ein autistisches Kind sortiert Gegenstände gerne nach Größe, nach Farbe oder nach Form. Ein Erwachsener ordnet den Menschen in seinem direkten Umfeld bestimmte Merkmale oder Eigenschaften zu. Im Kern folgen beide damit derselben Strategie: sie sortieren und ordnen zu. Dieses Verhalten spricht dafür, dass es seinen Ursprung in frühester Kindheit findet. Denn, durch einfaches Sortieren und Zuordnen lässt sich das gesamte Umfeld in einer übersichtlichen Weise strukturieren. Feste Strukturen vermitteln nicht nur ein Gefühl von Sicherheit. Feste Strukturen besitzen ebenso einen Wiedererkennungswert, dessen Nutzen und Wichtigkeit für einen Betroffenen vor allem aus dem zweiten Zitat hervorgeht.

ABA greift entscheidend in das Spielverhalten autistischer Kinder ein. Es sollte daher davon ausgegangen werden, dass Kinder, denen mittels dieser „Therapie“ geholfen werden soll, das Zuordnen durch Sortieren entweder überhaupt nicht oder nicht ausreichend entwickeln. Diesen Kindern geht damit ein entscheidendes Instrument zur Kompensation verloren, weil genau diese Zuordnungen relevant sind für die Perzeption, insbesondere im Bereich der sozialen Interaktion.

Ein autistisches Kind, welches mit ABA therapiert wurde, könnte als Spätfolge dieser Therapie also häufiger verunsichert sein, eine Angststörung oder andere psychische Erkrankungen entwickeln.

Anna Vaal, 15. Mai 2018

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