Autismus und Vertigo
oder warum Licht nicht flackern sollte

Eine Autismus-Spektrum-Störung ist für die meisten Menschen eine unsichtbare Behinderung. Sie findet in einem Bereich statt, der einem interessierten Betrachter verschlossen bleibt, im Kopf. Die entscheidenden Fragen sind demnach, ob und wie sich dieses Defizit bei einem Betroffenen bemerkbar macht. Ist es, abgesehen vom Gefühl des Andersseins, überhaupt spürbar? Einen ersten Anhaltspunkt, vielleicht sogar eine Antwort auf diese Frage, stellt das folgende Zitat eines Betroffenen bereit.

  

Es blitzt und blinkt. Alles geht durcheinander. Störende Geräusche scheinen direkt in mein Hirn zu gehen und dort gemeine Schmerzen auszulösen. Mir wird schwindelig.

 

Schwindel ist zahlreichen Menschen bekannt. Möglicherweise hat ihn ein Jeder schon einmal erlebt. Fachsprachlich wird er Vertigo genannt. Mit Schwindel werde das Empfinden eines Drehens oder Schwankens, das Gefühl, sich nicht sicher im Raum bewegen zu können, oder auch das Gefühl der drohenden Bewusstlosigkeit bezeichnet. Im medizinischen Sinn werde Schwindel als wahrgenommene Scheinbewegung zwischen sich und der Umwelt definiert. Er könne verschiedene Ursachen haben und in zwei Kategorien eingeordnet werden. Häufig treten Schwindelsymptome im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen auf, entweder als Folge oder als Ursache derselben.

Für einige Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ist Schwindel, von dem sie mehr oder weniger häufig berichten, längst ein offenes Geheimnis. Er scheint die unsichtbare und der Medizin bislang verborgen gebliebene Seite dieser Störung zu sein. Eine Seite wie ein Geist, der im Dunkel schlummert. Zumeist erwacht er in Situationen, denen ein Mensch ohne Beeinträchtigung nichts Besonderes abgewinnen kann. Ein Mensch im Spektrum kann dieselben Situationen hingegen als extrem belastend empfinden.

Mich stört schon eine flackernde Kerze. Aber am schlimmsten ist flackerndes Sonnenlicht, wenn ich im Bus sitze. Mir wird irgendwie schwindelig davon. Ich kann mich nicht mehr rühren.

Das Flackern einer Lichtquelle ist zahlreichen Bewegungen gleichzusetzen. Die visuelle Wahrnehmung derselben scheint viele Betroffene vor eine echte Herausforderung zu stellen. Das angeführte Zitat deutet nicht nur an, dass diese Bewegungen eine Belastung darstellen. Es beschreibt außerdem, dass sie eine unangenehme Folge nach sich ziehen können. Denn häufig wecken diese Bewegungen den Geist, der Schwindelgefühl heißt. Das deutet darauf hin, dass zwischen Bewegungen, Schwindelgefühl und Autismus möglicherweise ein Zusammenhang besteht.

Das Gehirn eines Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sendet eindeutige Signale, sobald eine individuelle Grenze erreicht ist, die besonders im Fall des Eintretens des Schwindelgefühls nur schwer ignoriert werden können. Ein Betroffener wird deshalb stets bestrebt sein, unter allen Umständen zu vermeiden, dass er dieses Schwindelgefühl erfährt. Hierfür greift er auf seine erlernten Kompensationsstrategien zurück. 

Gerade bei Schwindel beim Gehen und Überreizung hilft mir Fokussieren auf Details.

Die detailorientierte Wahrnehmung ist ein wirksames Instrument der visuellen Kompensation. Sie kann dem Schwindel nicht nur vorbeugen oder ihn lindern. Im Alltag eines Betroffenen ist sie auch in anderen Bereichen hilfreich, wenngleich sie kein Allheilmittel darstellt. Dennoch ist sie von enormer Wichtigkeit und Bedeutung, wie auch alle anderen Kompensationsstrategien.

Anna Vaal, 26. August 2018

Quelle Zitate: aspies.de/Selbsthilfeforum

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