Autismus und Denken
Zwang oder Notwendigkeit?

„Mein Gehirn funktioniert so: Ein Problem braucht eine Lösung und der effektivste Weg ist das Ziel.“

Ist von Zwangsgedanken die Rede, klagen hiervon Betroffene hauptsächlich über das damit verbundene Leid und den Druck, dem sie hilflos ausgesetzt sind. Fehlt die Möglichkeit, bestimmten Zwängen nachzugehen, resultieren daraus oft enorme Ängste.

Typische Symptome einer Zwangsstörung sind Grübeln, Zählen, Waschen oder Kontrollieren. Diese Symptome müssen allerdings nicht zwangsläufig auftreten. Ein Mensch, der unter einer Zwangsstörung leidet, kann als gewissenhaft und ordentlich auffallen oder als jemand, der das Gewohnte bevorzugt.

Die Symptome einer Zwangsstörung könnten folglich ebenso einem Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zugeschrieben werden. Vor allem, weil eine Gemeinsamkeit vordergründig auffällig wird. Sowohl eine Zwangsstörung als auch eine Autismus-Spektrum-Störung ist häufig von den individuellen Gedanken eines hiervon Betroffenen geprägt.

„Ich habe große Angst, das Falsche zu denken und den Gedanken am Ende nicht mehr von einer Erinnerung unterscheiden zu können. Manchmal habe ich Angst, ich könnte dem schaden was, mir wichtig ist. Zum Beispiel hatte ich öfter Angst, ich könnte meinem Meerschweinchen schaden, was ich aber nie tun würde.“

 

Das an dieser Stelle angeführte Zitat eines Betroffenen mit einer Autismus-Spektrum-Störung spricht dafür, dass dieses Defizit durchaus in Verbindung mit einer Zwangsstörung auftreten kann. Ohne wissenschaftliche Studien, die etwas über die Häufigkeit des Auftretens einer Zwangsstörung in Verbindung mit einer Autismus-Spektrum-Störung aussagen, sollte ein abschließendes Urteil über etwaige Zusammenhänge jedoch nicht gefällt werden.

Ob autistisches Denken zwanghaft im Sinne von Grübeln erfolgt oder aus einer Notwendigkeit heraus geschieht, scheint demnach vom jeweiligen Blickwinkel des Betrachters abhängig zu sein. Das folgende Beispiel einer Situation, in der sich ein Betroffener im Alltag schnell wiederfinden kann, beschreibt die Gedanken, die eine solche Situation möglicherweise auslöst.

Emma sitzt im Zug. Als dieser an der nächsten Station hält, steigen ein paar Jugendliche ein. Die Gruppe fällt Emma unangenehm auf. Sie hört sie krakeelen und beginnt sofort darüber nachzudenken, was sie täte, wenn die Gruppe auf sie aufmerksam wird, sie ärgert oder angreift.

Das Beispiel impliziert, dass Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung im Vergleich zu Nichtbetroffenen vermutlich häufiger nach einem potenziellen Problem Ausschau halten, um vorsorglich eine Lösung zu finden. Für diese Schlussfolgerung spricht unter anderem das folgende Zitat eines Betroffenen.

„Gedanken habe ich sehr oft. Sie beschäftigen sich mit der Lösung oder dem Umgang in einer bestimmten, eventuell eintretenden Situation.“

 

Zur Beurteilung dieser Art des „vorausschauenden“ Denkens bieten sich einem Außenstehenden zwei Erklärungsansätze. Aus negativer Sicht könnte zur Diskussion gestellt werden, dass es sich vordergründig um Zwangsgedanken handelt.

Zwangsgedanken seien inhaltliche Denkstörungen. Gemeint seien vordergründig Denkstörungen im Sinne von sich immer wieder aufdrängenden und unsinnigen Denkinhalten, die darüber hinaus von zusätzlichen Denkstörungen geprägt sein können. Hierzu gehören Perseveration, Gedankenkreisen, eingeengtes Denken und Gedankenarmut, um nur einige Beispiele zu nennen. Auf Verhaltens- oder kognitiver Ebene können Zwangsgedanken zudem Abwehrrituale auslösen.

Eine andere Erklärung bietet das folgende Zitat eines Betroffenen an. Es beschreibt unter anderem die Notwendigkeit dieser Art des Denkens und vermittelt eine positive Sichtweise, weil es das „vorausschauende“ Denken als Instrument zum Entwickeln einer Strategie vorstellt.

„Wenn gewisse Dinge wissentlich überfordern, versucht man, Strategien immer wieder im Kopf durchzugehen. Damit ist man für den Fall des Eintretens dieser Situation sicher und kann handeln, weil sie einstudiert ist.“

Eine Strategie wird häufig als Realisierungsfahrplan beschrieben. Dieser führe zu einem bestimmten Ziel hin und definiere nicht nur Meilensteine. Auch das methodische Vorgehen werde skizziert und Controlling-Maßnahmen berücksichtigt. Strategien seien demnach komplexe Konstrukte, die Planung, fachliche Kenntnisse und Qualifikation benötigen, um zu funktionieren. Auch im privaten Umfeld seien Strategien ein Bestandteil des Alltags. Wenngleich sie hier fachlich weniger fundiert seien und ein unvorsichtiger Umgang mit ihnen schnell zu Manipulation führen könne.

Eine weitere Definition des Begriffes „Strategie“ geht auf Helmuth von Moltke zurück, dessen Familie zum mecklenburgischen Uradel zählt. Als Sohn des späteren dänischen Generalleutnants Friedrich Philipp Victor von Moltke und dessen Ehefrau Henriette Sophie lebte die Familie zunächst auf Gut Gnewitz und zog später nach Lübeck um. Er diente im dänischen Infanterieregiment Oldenburg in Rendsburg und erwies sich als Talent mit großen Ambitionen. Unter anderem, weil er sich bemühte, in die preußische Armee aufgenommen zu werden.

Moltke definierte den Begriff „Strategie“ als Fortbildung eines ursprünglich leitenden Gedanken entsprechend sich stets ändernder Verhältnisse. Zur Entwicklung einer Strategie seien gemäß seiner Definition vor allem die Bestimmung der Ausgangssituation und eine Beschreibung eines zukünftigen Zustandes als Leitbild von wesentlicher Bedeutung.

Eine Strategie, die sich ein Mensch mit Autismus vorsorglich ausdenkt, könnte demnach ein wesentlicher Bestandteil der „Kompensation“ dieses Defizits sein. Alfred Adler, der Gründer der Individualpsychologie, führte diesen Begriff im Jahr 1907 in seiner Studie über die Minderwertigkeit der Organe als Antwort des Organismus auf eine Organminderwertigkeit ein. Weil die Psyche im übergeordneten Zentralnervensystem als Teil des Gesamtorganismus beim Kompensationsprozess ebenso von Belang sei, schlussfolgerte Adler zudem den Begriff der seelischen Kompensation.

Seitdem werde in der Psychologie eine Strategie als Kompensation bezeichnet, mit welcher bewusst oder unbewusst der Versuch unternommen wird, eine echte oder eingebildete Minderwertigkeit auszugleichen. C. G. Jung hingegen hält fest, dass jeglicher Prozess als Kompensation bezeichnet werden könne, der darauf ziele, psychische Ungleichgewichte und Einseitigkeiten auszugleichen.

Für einen Menschen mit Autismus scheint es demnach von zentraler Bedeutung zu sein, Strategien für alle denkbaren Situationen zum Zweck der Kompensation zu entwickeln. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass er schnellstmöglich erkennt, worin das Problem besteht, welches die Notwendigkeit der Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien nach sich zieht. Stetiges Denken und Analysieren der unterschiedlichen Situationen im Umfeld können deshalb ein Teil der Lösung sein, der von Außenstehenden nicht zum Problem gemacht werden sollte.

Das folgende, abschließende Zitat belegt am Beispiel des Blickkontaktes sehr eindringlich, dass Denken und Kompensation so untrennbar miteinander verbunden sind wie Raum und Zeit. Auch, weil es bei Kompensation häufig von Bedeutung ist, die Autismus-Spektrum-Störung seinen Mitmenschen gegenüber verheimlichen zu müssen. Denn eine Offenbarung könnte negative Konsequenzen nach sich ziehen, über die jeder Betroffene zudem viel zu oft nachdenken muss.

„Bei mir ist das beim Blickkontakt ganz deutlich. Meine Frau sagt, dass ich da völlig unauffällig sei. Ich selbst merke aber, dass ich den Blickkontakt vor allem in Gruppen immer noch über den Verstand steuere.“

 

Anna Vaal, 17. Mai 2018

 

Quelle Zitate: aspies.de/Selbsthilfeforum

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now